Schon beim Anflug auf Mendoza mache ich die erste Bekanntschaft mit dem Ziel meiner Reise, dem Aconcagua. Ich schaue aus dem Flugzeugfenster und befinde mich auf einer Höhe mit dem Gipfel des höchsten Berges Südamerikas. Mit seinen 6952 m Höhe überragt er alles, setzt ein Zeichen, macht mir klar, dass ich mir ganz schön viel vorgenommen habe, denn da will ich hinauf, auf den Gipfel des Aconcagua. Mit Respekt, aber auch mit grosser Vorfreude, geht diese erste Begegnung zu Ende und wir landen in Mendoza.

In Mendoza herrschen sommerliche Temperaturen. Ich setze mich in ein Strassenrestaurant, beobachte hin und wieder die Menschen und das Treiben der Stadt, doch meine Aufmerksamkeit gilt jetzt vor allem dem wunderbaren Essen und der guten Flasche Malbec, die sich langsam leert. Dieser lokale Rotwein ist mittlerweile weltberühmt geworden und das zu Recht. Vergessen ist die Anreise, geblieben ist die Vorfreude auf die kommenden Tage.

Am nächsten Morgen geht es los. Mit dem Bus machen wir uns auf den Weg ins raue Gebirge der Anden. Nach zwei Stunden der erste Halt auf etwa 2000 m. Vereinzelt sehe ich Gebetsfahnen aus Tibet. – Tibetanische Gebetsfahnen in Argentinien? Bin ich im falschen Film? – Genau, denn das sind die Überbleibsel des Filmes „Sieben Jahre im Tibet“, der hier und am Aconcagua gedreht wurde, erklärt man mir.

Weiter schraubt sich der Bus in die Anden und wir erreichen Pampa de Lenas, wo wir von unseren Gauchos in Empfang genommen werden, die mit ihren Maultieren schon auf uns warten, um uns in den nächsten drei Tagen zum Basislager auf 4200 m zu bringen. Es ist sommerlich warm, als wir uns beim Eingangstor des Nationalparks melden. Die Sonne brennt und von nun an heisst es vorsichtig zu sein und sich gut vor der Sonnenstrahlung und später auch vor dem gefürchteten Wind zu schützen.

Der Anmarsch von der Ostseite des Berges her ist für mich einfach grossartig. Nach einer eiskalten Nacht spüre ich schon am Morgen die herrlich wärmende Sonne im Gesicht. Der Weg führt direkt auf diesen Koloss von Berg zu und es sind nur wenige Leute auf dieser Seite des Berges unterwegs. Die Gletscher strahlen bei Sonnenaufgang leuchtend rot und mit ansteigender Sonne gehen sie in glitzerndes Weiss über. Ein atemberaubendes Erlebnis, einfach ein Traum!
Doch plötzlich zeigt sich der Berg von seiner rauen Seite und zeigt, wie schnell hier das Wetter umschlagen kann. Ein Sturm bricht los und der Wind wirbelt den Staub hunderte von Metern hoch. Ich bin richtig froh, kurz darauf im schützenden Basislager anzukommen.

Im Basislager verbringen wir drei Tage und machen ein paar leichte Akklimatisationstouren. Im Basislager warten immer ein gutes Essen und eine herrliche Unterkunft auf uns. Das Hauptzelt ist beheizt, man kühlt nicht aus und kann so wichtige Energie sparen.

Nun gilt es höher zu steigen, doch zur eigenen Sicherheit muss zuvor jeder Aconcagua-Anwärter einen medizinischen Check beim einheimischen Arzt bestehen. Ich fühle mich fit und der Arzt will mich zu meiner Freude auch nicht von etwas anderem überzeugen. Ich darf also höher steigen, es kann losgehen.

Im Ganzen gibt es drei Hochlager. Lager 1 auf 5000 m, Lager 2 auf 5500m und Lager 3 dann auf respekteinflössenden 6000 m.

Die grossen Herausforderungen am Aconcagua sind die schnellen Wetterumstürze und vor allem der Wind. Wetterbericht und Wetterprognose und eine gute Einschätzung der Lage sind nun sehr wichtig. Tagsüber haben wir teilweise richtig angenehme Temperaturen, aber die Nächte sind bitterkalt. Mein Schlafsack ist jetzt mein bester Freund, schenkt er mir doch selbst bei -40 Grad noch kuschelige Wärme und einen erholsamen Schlaf.

Den Aufstieg bis auf 6000 m zum Lager 3 würde ich als technisch einfach bezeichnen. Wie ein normaler Gebirgsweg, aber die Höhe und die eisige Kälte zehren natürlich bereits an den Kräften. Doch schliesslich ist der Aufstieg geschafft und die Anstrengung wird sofort belohnt mit einer grandiosen Sicht über die ganze Andenkette mit unzähligen Fünftausendern und Sechstausendern im Abendlicht. Die Gletscher färben sich in der Abendstimmung rot und man spürt, dies ist einer der Augenblicke, die man nie mehr im Leben vergessen wird.

Nun steigt die Spannung. Heute Nacht soll der Aufstieg zum Gipfel möglich sein. Die Wetterprognose ist sehr gut. Es werden nur etwa 35 km/h Wind und nur 25 – 30 Grad Minus erwartet. Ideale Bedingungen, vergleichsweise. Nachts um 2:00 Uhr brechen wir auf zum Gipfelsturm. Der Himmel präsentiert sich wolkenlos, es herrscht klirrende Kälte. Auf 6400 m beim Refugio Independencia machen wir kurz Halt und legen die Steigeisen an, um in dem harten Schnee einfacher voranzukommen. Wir durchqueren einen riesigen, unendlich erscheinenden Geröllhang bis zur Canaleta auf 6700 m. Der Aufstiegshang ist dann aber mit hartem Schnee bedeckt und somit angenehm zu begehen. Allmählich wird es Tag und der Aconcagua wirft einen riesigen Schatten. Er zeigt uns eindrücklich, dass er der Grösste ist von allen. Ab jetzt ist ein eiserner Wille gefragt. Der Gipfel ist zum Greifen nah, nur noch 250 Höhenmeter, aber der Körper will nicht mehr. Es gilt, die letzten Reserven zu mobilisieren. Zu weit bin ich schon gekommen, um aufzugeben. Ich halte durch. Und dann dieser Moment! Ich kann es kaum glauben, ich habe es geschafft, ich bin oben. Ich stehe auf dem höchsten Gipfel Südamerikas, auf 6952 m. Welche ein Augenblick. Erschöpft setze ich mich hin und bin einfach nur glücklich.

Am gleichen Tag steigen wir noch bis zum Plaza de Mulas ab, dem Basiscamp auf der Westseite des Berges. Ich geniesse eine Dusche, bin todmüde und kraftlos aber glücklich und stolz. Zu diesem Zeitpunkt weiss ich es noch nicht und könnte es mir auch nicht vorstellen, dass ich am nächsten Abend meine Aconcagua-Besteigung genauso beenden werde, wie ich sie begonnen habe: In „meinem“ Strassenlokal im sommerlichen Mendoza, mit einem riesigen argentinischen Steak und einem exklusiven Malbec.

Danke für dieses Erlebnis

Martin Thomann

Auf den höchsten Berg Südamerikas