Heute ist unser freier Tag. Doch wenn Aktivferien auf den Ferien drauf steht ist oft halt auch Aktivferien drin. Alle Gäste treffen Punkt acht Uhr morgens zum Frühstück ein. Einige gehen anschliessend Reiten. Andere Wandern. Hier oben dürfen wir uns frei bewegen. Denn das wildeste Tier auf der Farm muss der kurzbeinige Jack Russell Terrier sein. Er will permanent gestreichelt werden. Zwei Gäste gehen Kajaken auf dem See. Und einige setzen sich auf die Terrasse vor den Bungalows und geniessen die Aussicht. Wir residieren im südlichen Hochland auf rund 1800 Metern in der Mufindi Highland Lodge, wo die Familie Fox zuhause ist.

Ich frage den Stallburschen wie man den ein Pferd hier auf Swahili antreibt und stoppt. Der Junge lacht: «Wooo», für Halt und «Wakan» für Gehen. Lea, eine deutsche Volontärin, die hier arbeitet, schmunzelt und sagt: Hooo und Walk on, das verstehen die Pferde auch. Kosako, das Pferd auf dem ich sitze, spitzt bereits die Ohren. Unter der Leitung von Gaudi und in Begleitung von zwei Stalljungen geht es los. Runter zum See, durch den Wald hoch und durch die Teeplantagen. Meist im Schritt, ab und zu im Trab. Durch die rund 1,5 Kilometer lange, in violetter Blüte stehende Jacaranda-Baumallee führt der Weg nach zwei Stunden zurück zu den Stallungen mit den 29 Pferden. «Galopp?» fragt Gaudi. Nein, ist unsere einstimmige Antwort. Nicht weil wir nicht könnten. Sondern weil dann diese wunderschöne, violette Blütenpracht über uns viel zu schnell zu Ende wäre.

Am Nachmittag treffen wir uns auf der Wanderung mit Goff Fox, dem Grossvater der Familie, auf der Teeplantage. Eigentlich wollte er uns eine kleine Einführung in die Teeproduktion geben. Daraus wird dann inmitten der grünen Teesträucher eine spannende und humorvolle Lebensgeschichte. Wir lauschen gespannt. Nur so viel an dieser Stelle: Alle Teepfanzen sind Klone und stammen von einer Mutterpflanze ab. Die einzige weibliche Teemutterpflanze weltweit heisst V1. V steht für Vicky. Vicky ist seine Frau, die er mit 16 Jahren kennengelernt hat. Heute sind die beiden 82 bzw. 83 Jahre alt und haben 4 Söhne und Enkelkinder. Einer davon ist Matthew, der uns mit einer Cessna Caravan von Camp zu Camp fliegt. Peter Fox, Matthew‘s Vater, hat vor 40 Jahren hier mit der Produktion von Holz, Macadamianüssen, etwas Landwirtschaft und dem Bau der Lodges angefangen. Heute denkt er in Dimensionen von Tausenden von Hektaren Holzaufforstung und -bewirtschaftung und CO2-Reduktions-Zertifikaten.

Für den Rückweg zur Lodge empfiehlt uns der liebenswürdige Goff einen alternativen Weg. Dieser sei sehr einfach zu finden: bei der ersten Abzweigung links, dann beim blühenden Jacarandabaum rechts bis zum See und von dort am rechten Ufer den beiden Seen entlang zurück. Der Pfad entwickelt sich zu einem herrlich schönen, schon lange nicht mehr begangenen Bergwald-Wanderweg und Abenteuer inmitten einer Fluss- und Seenlandschaft. Am Ufer des letzten Sees angelangt, geht die Sonne unter und spiegelt sich tiefrot auf der Wasseroberfläche. «Kennt ihr die Pizol 5-Seenwanderung,» scherzt Reto, «kein Vergleich, das hier ist eine Seenwanderung! Und was für eine!»

Bei den Mahlzeiten sitzen wir mit den drei Generationen der Fox-Familie im selben Speisesaal. «Did you have a wonderful day?» fragt Vicky auf liebenswürdige englische Art und Weise. Ja, das hatten wir! An der Wand vis-à-vis des Cheminées, an welchem wir jeweils vor dem brennenden Feuer ein Glas Wein oder Bier trinken, entdecken wir eine Schweizer Kuhglocke. Darauf ist der Name «Swissair» eingeprägt. Grossvater Fox kommt und lacht: «Oh Leute, die habe ich an einem Golfturnier zusammen mit einem Flug in die Schweiz gewonnen! Aber das war zu der Zeit als ich noch eine Farm an der Küste mit 16‘000 Stück Kühe für Dr. Ulrich Anders aus Zürich betrieb. Der war auch anteilig Besitzer von GC. Aber Leute, das war in einer anderen Zeit!»

Wir verabschieden uns von der Fox-Familie. Grossvater Fox lässt es sich nicht nehmen und zeigt uns auf dem Weg zum Flugfeld persönlich das Waisenhaus, dass er hier aufgebaut hat. Seine Erläuterungen werden zu einer kurzen Zeitreise durch das Gesundheits- und Erziehungssystem von Tansania. Wir dürfen den Unterrichtsraum betreten und schauen 27 Waisenkindern beim Unterricht zu. Fast alle stecken in der Schuluniform und schauen uns mit grossen Augen an. Es ist ein herzberührender Anblick. Hözfällerarbeiten zwingen uns zu einem Umweg und wir fahren durch das südliche Bergland und ein Stück ursprüngliches Afrika. Frauen graben mit der Hacke ein Stück Acker um. Eine Ziege ist mit einem Stück Schnur an einem Pflock angebunden und frisst dürres Gras. Kinder in Schuluniform winken vom Strassenrand. Junge Männer sitzen auf ihren Motorrädern an der Strassenkreuzung und bieten Taxidienste an. Farbig gekleidete Menschen arbeiten inmitten von grossen grünen Teeplantagen. Und eines der ältesten Afrikabilder in meinen Kopf entdecke ich in einer Nebenstrasse: ein Kind rollt ein Velorad mit einem Stock in der Hand neben sich her und wirbelt Staub auf.

 

Dominik Abt, Wanderleiter SBV

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Naturreise Südtansania 5 / Im südlichen Hochland bei der Fox-Familie