Aufgenommen von Wanderleiter Ueli Schlittler, der diese Gruppe erfolgreich auf den Gipfel geführt hat.

Herzliche Gratulation an alle Gäste zum Gipfelerfolg. Wir bedanken uns, dass wir diesen Blog mit Namen und Bildern veröffentlichen dürfen. Es sind persönliche Empfindungen und Emotionen, die hier preisgegeben werden. Alle, die den Kili schon bestiegen haben, können sich bestimmt in einem der Gäste wiedererkennen. Viel Vergnügen.

Es ist Mitternacht. Eine prächtige Vollmondnacht, mit wenig Wind. Trotzdem knipsen wir unsere Stirnlampen an und machen uns auf den Weg zum Gipfel des höchsten Berges von Afrika, dem Kilimanjaro.

In Einerkolonne, mit kurzem Abstand, so hat es uns Ueli, der Wanderleiter aus der Schweiz beigebracht. So bewegt man sich am Berg, besonders in der Nacht und in steilem Gelände. Klare, unmissverständliche Worte, die nachhallen.

Pole, pole, langsam, langsam. Zuerst auf schmalen Wegen über staubiges, sandiges, kleinkörniges Vulkangestein, später in zahlreichen Serpentinen über immer steileres gerölliges Gelände. Niemand spricht. Alle sind mit sich selbst beschäftigt. Die Local-Führer summen leise ihre Lieder. 1. Trinkhalt; 2. Trinkhalt, noch läuft alles nach Plan. Oberhalb der Hans-Meyer Höhle trennt sich die Gruppe. 13 Teilnehmer wollen zum Uhuru-Peak, zum höchsten Ziel. Sie kommen vorerst gut voran. Weiter oben beginnen sie die Höhe zu spüren.

Hans und sein Sohn Noah, zwei kraftstrotzende Schwaben, haben keine nennenswerten Probleme. Auch Irene, die Skitourengängerin aus dem Berner Oberland und ihre 20-jährige Tochter Laura, Kunststudentin, motivieren sich gegenseitig und erreichen das Ziel ohne wesentliche fremde Hilfe. Conny, die leichtgewichtige Langstreckenläuferin geht behände über den hartgepressten Schnee. Erst auf dem Rückweg bekommt auch sie etwas verzögert die Höhe in aller Härte zu spüren.

Nicht besser geht es Raban, der direkt nach diesem Trekking sein Wirtschaftsstudium in den USA fortsetzen wird. Er muss sich übergeben. Doch er rappelt sich wieder auf. Er darf sich keine Blösse geben. Gross und kräftig wie er ist, will er seinen beiden Schwestern Tonia und Franziska in nichts nachstehen. Diese zwei sind erstaunlich gut unterwegs.

Anders Karl, der kräftige Jäger aus Baden-Württemberg, der diesen Berg seit 10 Jahren auf seiner Wunschliste hat. Er hat als Vorbereitung an einer 24-Stunden-Wanderung teilgenommen und in der Schweiz einen 4000er bestiegen. Noch bei der Hans-Meyer Höhle hat er verkündet:»ich könnte Bäume ausreissen»!

Und nun das: plötzlich kriegt er keine Luft mehr.

«Ich kann das nicht verstehen», murmelt er immer wieder vor sich hin.»Ich kann das nicht verstehen», erzählt er auch später allen von seinen Problemen.

Dabei hat doch Ueli zu uns gesagt:»Das wird kein Spaziergang. Irgendwann werden für jeden die Beine schwer und der Atem kürzer. Das Kopfweh müsst ihr versuchen auszublenden und an etwas Schönes denken; euch ablenken. Ihr müsst raus aus eurer Komfortzone und kämpfen, um euer Ziel, den Gipfel, zu erreichen».

Petra, die immerzu fröhliche, quirlige und kommunikative Seconda aus der Schweiz, spricht kein Wort mehr und ist fokussiert. Es geht ihr nicht gut. Ist es die Höhe, oder die Anstrengung, oder beides? Wäre da nicht Gaudence, der sympathische und charismatische Local-Führer und erfolgreiche Langstreckenläufer, wer weiss….

Voll erwischt hat es auch Lujo (Ludwig-Josef). Er ist gegen Schluss völlig kraftlos und bleich. Er kann sich kaum mehr auf den Beinen halten und ohne unterstützende Hilfe von Emanuel, einem weiteren Local-Führer, hätte auch er es wohl nicht ganz bis oben geschafft. Und da sind noch Barbara, die Lehrerin und Thomas, der Architekt. Ein Paar, das sich auffällig liebt und oft auch turtelt. Barbara leidet; sie muss sich übergeben. Thomas geht allein auf den Gipfel, kehrt kurz danach zurück und holt auch seine Barbara mit auf den Gipfel. Einfach grossartig, ja heldenhaft!

Alle 13 haben als Gruppe, die sich in den vergangenen Tagen zusammengeschweisst hat, gemeinsam ihr Ziel erreicht. Jubelschreie, Euphorie, Freudentränen, Umarmungen.

Congratulations steht auf dem Holzschild, vor welchem eilig einige Gipfelfotos gemacht werden. Congratulations,- dem bleibt nichts hinzuzufügen.

Weiter unten versucht Ueli, unser Führer aus der Schweiz, ein persönliches Drama zu verhindern. Josephin und Christian, zwei Nordlichter, die Eltern von Raban, Franziska und Antonia halten Rat. „Meinst du wir schaffen das?“ fragt die sonst so vitale Josephin. „Klar schafft ihr das, wenn ihr nur wollt“, antwortet Ueli im Brustton der Überzeugung. Pole, pole, langsam, sehr langsam geht es gemeinsam mit 2 Local-Führern bergwärts. Immer wieder, oft schon nach 100 m, will Josephin kleine Pausen machen und Tee trinken. Ueli mahnt das zu unterlassen, weil jetzt ein guter Rhythmus, wenn auch langsam, das wichtigste ist. «Meinst du»?»Ja».

Christian geht es etwas besser, aber auch seine Kräfte sind aufgebraucht. Pole, pole. Josephin ist nun völlig ausgepowert, sie strauchelt, rappelt sich wieder auf. 1mal, 2mal, 3mal. Sie hat nicht mehr die Kraft für die vielen hohen Stufen.

Ueli unterstützt sie von hinten nach Kräften. Sonnenaufgang, neue Energie tanken, letzte Kräfte mobilisieren. Endlich haben es auch die zwei geschafft. Der Gilman’s Point, ihr persönliches Ziel, ist erreicht. Congratulations auch an sie. Ein eisiger Wind pfeifft ihnen um die Ohren. Kurze Rast, ein Erinnerungsfoto und dann nichts wie wieder runter! Pole, pole, nur ja jetzt keinen Unfall provozieren.

Was danach folgt ist eine unbeschreiblich schöne Safari und ein paar erholsame Tage am indischen Ozean, in Sansibar.

Hakuna Matata, alles kommt gut.

 

 

  1. September 2018

 

 

Szenen am Berg