Fussverkehr? Gibt’s denn keine Strassen in Nepal? Und ob. Zum Beispiel in Kathmandu, der Hauptstadt. Laut, staubig, chaotisch – und für Fussgänger, so scheint es mir, lebensgefährlich. Als gut erzogener Schweizer Automobilist pflege ich vor Fussgängerstreifen anzuhalten, falls jemand die Strasse überqueren will. Anders in Nepal. Wer bremst, hat schon verloren. Besser ist da, erst recht Gas geben, hupen, drängeln und nur im Notfall ein wenig ausweichen: der Fussgänger soll selbst achtgeben, wie er heil auf der anderen Strassenseite ankommt!

Gewöhnungsbedürftig -, aber schon am 3. Tag hab’s auch ich kapiert.

Szenenwechsel: Seit über 2 Wochen sind wir im eigentlichen Sherpa Land unterwegs, das heisst in den Bergtälern des Sagarmatha-Nationalparks mit seinen vielen idyllischen Bergseen und den schäumenden, oft reissenden Bergbächen. Hier gibt es weit und breit keine Strassen. Nur Wege. Schöne, aber oft auch strenge Wege. In Nepal geht es immer rauf und wieder runter. Schuld sind die vielen Täler und deren Flüsse. Die einfachen Holzstege und imposanten Hängebrücken sind erst weit unten anzutreffen, weil oben die Spannweite wohl zu lang wäre. Dann kann es schon vorkommen, dass nach einem langen Abstieg und einer Brückenüberquerung ein Aufstieg über 400 Höhenmeter folgt. Und das über Stufen, oft über ziemlich hohe Stufen, seufzt Ursula. Aber alle Wege sind in gutem Zustand, gut angelegt und sehr abwechslungsreich. Man schreitet durch eine bunte und vielfältige Flora, schöne gepflegte Wälder, malerische Dörfer und Siedlungen und herrliche Aussichtspunkte bieten Rundsicht auf die Bergriesen von nah und fern. Und immer wieder links d.h. im Uhrzeigersinn vorbei an zahlreichen Stupas, Gebetsmühlen und mit Mantras verzierten, fein gemeisselten Manisteinen; das soll Glück bringen. Sune Tamang, unser Localguide, ist davon überzeugt.

Natürlich gibt es da auch verschiedenste Begegnungen mit Mensch und Tier. Wir amüsieren uns an der japanischen Trekkinggruppe, die in bunten Gummistiefeln unterwegs ist.

Ob die genug Compeed-Pflaster dabeihaben? Dafür sind sie bestens mit Fotoapparaten ausgerüstet. Teleobjektiv, Schiebezoom, 3-Beinstativ, alles dabei! Und prophylaktisch gegen allfällige Beschwerden tragen alle Knieschoner und Staubmasken.

Ausser den Japanern hat es viele Inder, Australier, Amerikaner, Franzosen, Russen, ein chilenisches Paar (auf Weltreise), ein einsamer Ägypter, und – wir staunen – nur wenige Schweizer.

Viele Hunde säumen den Weg und begleiten uns manchmal ein Stück. Alle sind freundlich, keiner bellt, keiner ist aggressiv. Und dann begegnen wir natürlich den unzähligen Trägern, die den Trekkern ihr Hauptgepäck nachtragen und für den Nachschub in den kleinen Dörfern und Lodges sorgen. Fälschlicherweise werden diese oft als Sherpas bezeichnet. Sherpa bedeutet nämlich „Ostvolk“ (Tibetisch shar = Ost; pa = Volk, Menschen) Die Sherpas sind vor 300 bis 400 Jahren aus dem Tibet, den Walsern ähnlich, über die hohen Alpenpässe in Nepal eingewandert und haben danach diese unwirtlichen Gegenden besiedelt. Heute leben von diesem Volksstamm ca. 180’000 in Nepal. Sie sind aber durchaus auch geschäftstüchtige Händler, Wirtsleute, Architekten, Trekkingunternehmer, Bergführer und Guides. Natürlich verdienen viele von ihnen als Träger ihr tägliches, hartes Brot. Sie sind nämlich besonders zäh, stark, leidens- und leistungsfähig und die stärksten unter ihnen können selbst das 1 ½-fache ihres Körpergewichts über weite Strecken tragen. Getränke und Gasflaschen werden in den unteren Regionen von Maultierkolonnen transportiert. Diese Tiere sind sehr geduldig, ausdauernd und überhaupt nicht störrisch, obwohl sie zur (männlichen) Hälfte vom Esel abstammen. Über 3500 m Höhe übernehmen die Zopkyo-Rinder diese Lasten und zuoberst bis auf fast 6000 m die langhaarigen, zotteligen Yaks. Mit grossem Gleichmut und im immerzu gleichen Tempo bewältigen diese bulligen, kraftstrotzenden Hochgebirgs-Rinder jedes Streckenprofil. Das erstaunlichste ist, dass sie selbst auf der kargsten Weide noch Futter finden und auch Sträucher nicht verschmähen.

Ausweichen sollte man übrigens bei all diesen grossen Tieren auf die Bergseite; jedes Jahr gibt es folgenschwere Abstürze, verursacht durch ungeschicktes Verhalten der Trekking-touristen.

Szenenwechsel. Nun sind wir im alpinen Gelände angelangt. Um Mitternacht haben wir im Basecamp das Frühstück „genossen“ und sind kurz danach im Stirnlampenschein in die dunkle Nacht hinaus gestartet. Leises Murmeln, beissender Rauch und fliegende Reiskörner begleiten uns auf den ersten Schritten. Der Lagerchef wünscht uns mit seiner Zeremonie gutes Gelingen für unser Vorhaben: wir wollen den Imja Tse (Island Peak) besteigen. Es geht stark bergauf. Vorerst Sand, feines Geröll, später immer grössere Steine und Blockstufen, zwischendurch auch mal weglos. Die Schritte sind langsam und schwer, der Atem auch. Es herrscht leichte Dämmerung, als wir auf den Gletscher gelangen. Der Klettergurt wird angezogen, die Steigeisen angeschnallt, der Sturzhelm aufgesetzt und der Eispickel zur Hand genommen und los geht es.

Der Schnee unter den Füssen knirscht, alles ist hart gefroren. Schon bald geht es in einen tiefen Abgrund, zum Glück sind wir angeseilt…. Danach eine lange, zusammengebundene Leiter wieder hoch. Mir kommen die Bilder aus den Khumbu-Eisfällen in den Sinn. Nicht überlegen – weiter! Nach kurzer Zeit sehen wir unser Ziel – und den sehr steilen, mir scheint unendlich langen Gipfelhang. Unsere erfahrenen Bergführer, die beide den Mt. Everest mehrfach bestiegen haben, setzen Fixseile. Das gibt Vertrauen und Sicherheit. In kurzen Schritten geht es breitbeinig den Hang hoch, oft nur mit Frontzackentechnik. Mit Hilfe des Jumars ziehen wir uns Stück für Stück am Fixseil hoch. Das braucht Kraft in den Armen, das haben wir wohl zu wenig trainiert! Stillstehen, durchatmen, Puls runterholen. Und dann weiter bis zum nächsten Halt.

Irgendwann haben wir es alle geschafft und wir stehen gemeinsam auf dem Gipfel. Euphorie mischt sich mit Erschöpfung – unbeschreibliche Gefühle! Lhotse Shar, Cho Oyu, Makalu und ein Meer von Sechs- und Siebentausendern belohnen uns für unsere Anstrengung.

Das Abseilen geht zügig voran, wir haben das ausreichend geübt.

Danach folgt ein langer, zermürbend langer Abstieg nach Dingboche. Die Intensität dieser Hochgebirgstour erfüllt uns mit Stolz, einer tiefen Zufriedenheit und der Sehnsucht und Lust auf weitere Gipfelziele.

Fussverkehr im Land der Sherpas