Bei minus 45 Grad bestieg ich letzte Woche erfolgreich den Mount Vinson, den höchsten Berg der Antarktis. Diese Expedition auf einem der entlegensten Flecken dieser Erde war voller Emotionen und Extremen.

Die Antarktis gilt als kältester, niederschlagsärmster, windigster und am wenigsten erschlossenen Kontinent – kurz, der extremste Kontinent der Erde. 98% seiner Fläche sind unter ein einem durchschnittlichen 2000 m dicken Eispanzer verborgen. Mit dem Mount Vinson 4892 m habe ich mir mein fünfter Seven Summit und eine grosse Herausforderung vorgenommen. Seine Abgeschiedenheit, der Berg liegt nahe am Südpol, aber vor allem die extreme Kälte und die möglichen Stürme machen diesen Berg besonders anspruchsvoll.

Im sommerlichen Santiago de Chile treffe ich im Hotel die vier weiteren Expeditionsmitglieder aus Österreich und Deutschland Ralph, Walter, Jutta, Markus sowie unseren Expeditionsleiter Andreas. Zusammen geht es weiter nach Punta Arenas in Südpatagonien, auch das Ende der Welt genannt. Diesen Ort kenne ich gut von unseren Patagonien Reisen. Und natürlich auch die feinen Restaurants wo typischerweise viele Fleischgerichte und köstlichen Wein angeboten werden.

Schnell macht sich eine gute Stimmung breit und die Expeditionsteilnehmer formen sich als fröhliche Truppe. Wir können uns bereits hier gut austauschen und viel lachen. In Punta Arenas gilt es, das ganze Expeditionsmaterial zusammen zu stellen sowie die Verpflegung einzukaufen. Nach einigen Tagen Vorbereitung geht es endlich los in Richtung Antarktis. Punta Arenas war für uns darum nicht das Ende, sondern der grosse Zwischenstopp. Wir fliegen weiter zum siebten Kontinent der Erde, die Antarktis, dreimal so gross wie Europa.

Mit einer Boing 757 geht es Stundenlang über ein Gletscherlandschaft die mich von Anfang an fasziniert. Die Landung in der Zentralantarkis in der Nähe des Südpoles ist einfach spektakulär. Mitten auf einem blauen Eisfeld welches 600 m dick ist, setzt die Maschine auf. Eine Atemberaubende Gletscherlandschaft und eisige Temperaturen erwarten uns am Union Glacier Base Camp, der Ausgangspunkt für alle Expeditionen. Dies befindet sich 3030 km vom südamerikanischen Kontinent entfernt, und liegt am Fusse der spektakulären Siefker Ridge, einem zerfurchten, zehn Kilometer langen und bis zu 1500 m hohen Berggrat im westantarktischen Ellsworthland. Das Camp hier wird jeweils für 4 Monate im Jahr aufgebaut.

Das Wetter ist perfekt. Nach einem kurzen Aufenthalt im Union Glacier Camp können wir noch am selben Tag mit einer Twin Otter und zwei jungen kanadischen Gletscher Pilotinnen zum 80 km entfernten Mount Vinson Massiv fliegen. Sanft setzt der Flieger im Schnee beim Mount Vinson Base Camp auf. Eindrücklich diese Ruhe, diese gewaltigen Berge und endlose Weite der Antarktis. In Worten kaum zu beschreiben. Auch die Distanz zu schätzen fällt hier ohne jegliche Referenzpunkte enorm schwer.  Wir nehmen unsere Schaufeln hervor und wollen das Essenszelt ausgraben, welches vor zwei Jahren im Schnee deponiert wurde. Nach drei Stunden schaufeln und einer Tiefe von bereits drei Metern geben wir um Mitternacht auf. Es liegt nicht am Licht, die Sonnen scheint hier im Sommer ja 24 Stunden, doch nach einer so langen Reise sehen wir das Auffinden als aussichtslos und beschliessen, die Expedition ohne Essenszelt zu starten.

Nach der ersten kalten Nacht bei ca. 25 Grad Minus, schnallen wir das Gepäck auf unsere Schlitten und trugen alle einen grossen Rucksack. Voll beladen erreichen wir nach zwei Tagen das Low Camp inmitten einer grandiosen Berglandschaft. Für die nächsten zwei Tage meldet der Wetterbericht perfekte Bedingungen. Euphorisch beschliessen wir bereits am nächsten Tag ins High Camp aufzusteigen und nach einer Nacht gleich zum Gipfelsturm aufzubrechen. Dies bedeutet, dass jeder von uns selber viel mehr Material ins 1000 m höher gelegene Highcamp auf 3800 m tragen muss. Die ca. 800 m hohe und ca. 45 Grad steile Eisflanke, forderte von uns allen viel Substanz. Glücklich kommen wir am späteren Abend im Highcamp an. Nach der Installation unserer Zelte verkriechen wir uns bald einmal in den warmen Schlafsack.

Erster Gipfelversuch

Am nächsten Morgen wartet der perfekte Gipfeltag! Die Bedingungen sind für antarktische Verhältnisse ideal. Ca. 20 Grad Minus und vor allem Windstill. Um 10.00 Uhr Morgen beginnen wir emotionsvoll unsere erste Gipfelattacke. Die Verhältnisse könnten nicht besser sein. Aber bereits nach einer Stunde kommt unsere Seilschaft ins Stocken, das Tempo ist für einige zu schnell. Ob das gut kommt, denke ich mir zum ersten Mal? Dann nach weiteren zwei Stunden, die Einsicht das nicht alle die Substanz haben, den Gipfel zu erklimmen. Wir sind alle angeseilt auf dem Gletscher und es ist nicht möglich alleine abzusteigen. Nach einige Diskussionen, müssen wir die ganze Übung leider abbrechen und erreichen am Nachmittag wieder das Hochlager. Die Stimmung ist zu diesem Zeitpunkt im Keller. Wir beschliessen am nächsten Tag einen weiteren Versuch zu starten ohne die geschwächte Person, der Wetterbericht sah gar nicht so schlecht aus.

Sturm kommt auf

Doch bereits in der Nacht rüttelte das Zelt und ein Sturm kommt auf mit Böen von 100 Stundenkilometer. An einen Aufstieg ist nicht mehr zu denken. Dass sich der Sturm erst nach 48 Stunden legen wird, malen wir uns nicht aus. Das heisst wir sind gefangen im Hochlager, weder rauf noch runter ist möglich. Die Lebensmittel waren Bescheiden kalkuliert und so verbringen wir mit wenig Nahrung zwei volle Tage und Nächte im Schlafsack mit einem hohen Lärmpegel des flatternden Zeltes. In der Zwischenzeit erfahren wir über Funk, dass im Low Camp alle Zelte weggewindet wurden, nicht die Nachricht die wir hören wollten. Dieses Warten kostet uns viel Substanz denn das Thermometer fiel jetzt zum Teil unter 30 Grad Minus. Walter und Ralph wollten die Expedition abbrechen und uns auch nicht hindern an dem Gipfelsturm. Somit waren wir nur noch vier Markus, Jutta, der Bergführer Andreas und ich. Alleine die beiden Kollegen zurücklassen geht aus Sicherheitsgründen nicht und somit droht der Expedition der Abbruch. Schlussendlich finden wir aber eine Lösung mit dem russischen Expeditionsleiter der unsere beiden Kollegen sicher ins Base Camp führen wird. Somit ist uns allen geholfen.

Gipfelerfolg

Der Wind lässt langsam nach und wir müssen die Situation neu Einschätzen. Wollen wir Morgen aufbrechen oder nochmals einen Tag abwarten mit der Aussicht auf bessere Bedingungen? Nochmals einen Tag länger im Hochlager, bedeutet Substanzverlust und so entschliessen wir nach vier Nächten im Hochlager den Gipfelsturm erneut zu versuchen. Wir beginnen den Aufstieg und alle spüren, dass wir nicht mehr im gleichen Kraftbesitz sind wie beim ersten Versuch. Es harmonierte aber in der Seilschaft und wir kommen höher und höher.

Endlich erreichen wir den ausgesetzten Gipfelgrat. Der Wind kommt wieder auf und das Thermometer stürzte ab bis auf 45 Grad Minus! Plötzlich der erleichternde Moment: Wir sind oben! Geschafft! Um 18.30 Uhr stehen wir auf dem höchsten Punkt der Antarktis auf dem Mount Vinson 4897 m. ü. M. Ein eisiges Meer von Berggipfeln breitet sich unter uns aus. Einfach unbeschreiblich so etwas erleben zu dürfen! Zu Fotografieren verlangt von uns die letzten Reserven. Nach einer kurzen Gipfelpause kommt nun der Abstieg zurück ins Hochlager welches wir abends um 22.00 Uhr erreichen. Totmüde fallen wir in die Schlafsäcke, um etwas zu essen haben wir keine Energie mehr.

Der Abstieg am nächsten Tag geht direkt bis ins Base Camp. Wir seilen uns über die 800 m hohe Eisflanke ab und erreichten das Base camp bereits am späteren Nachmittag wo wir wieder auf unsere zwei Kollegen treffen, welchen es zum Glück wieder gut geht. Mit Champagner stossen wir an auf unser Gipfelglück und auf die erfolgreiche Expedition.

Die beiden Gletscher Pilotinnen holen uns ab und zeigen uns ihr können mit einem spektakulären Rundflug über den Mount Vinson. Was für eine emotionale Verabschiedung. Bald befinden wir uns wieder sicher zurück in der Eisstation Union Glacier. Nach zwölf Tagen endlich wieder einmal duschen! Herrlich! Unsere fröhliche Truppe fand nach recht stressvollen Momenten wieder zusammen, wir konnten uns austauschen und viel lachen. Es war ein grossartiges Abenteuer in einer wilden und rauen Natur. Danke an den Expeditionsleiter Andreas und alle Expeditionsteilnehmer für die einmalige Atmosphäre die wir zusammen hatten.

Nun bin ich wieder zurück in der Schweiz und darf auf eine grossartige Reise zurückblicken. Reisen wie solche werden mir immer in Erinnerung bleiben und geben mir trotz den Anstrengungen auch sehr viel Erholung und Energie zurück. Und ja noch kurz erwähnt, nach den etlichen Corona Test und dem überdurchschnittlichen Papierkram rückte dieses Omnipräsente Covid Thema in den Hintergrund. Auch das tut so gut und bestätigt mir, wie wichtig Reisen wie solche zum aktuellen Zeitpunkt sind.

 

 

 

 

 

 

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Hansruedi Büchi auf dem Mount Vinson, dem höchsten Berg der Antarktis