Wir fliegen von Kathmandu nach Bhutan, vorbei am riesigen Himalayamassiv, das in dichte Wolken gehüllt ist. Nur einzelne Gipfel ragen majestätisch in den Himmel. Ich erkenne Mt. Everest, Nuptse und in der Ferne das Lhotse-Massiv. Nur wenige Meter über den Baumwipfeln gleiten wir in das enge Tal und landen schliesslich wohlbehalten in Paro. In Paro liegt der einzige Flughafen des kleinen Königreichs zwischen Indien und Tibet. Gleich beim Aussteigen merken wir, dass hier alles ein wenig anders ist.

Das prächtige Flughafengebäude gleicht einem Palast und an einer Fassade lächelt uns auf einem riesigen Porträt die junge Königsfamilie entgegen. Diese und andere Bilder werden uns noch oft begegnen. Sie hängen z.T. mehrfach in jedem Haus, jedem Hotel, jedem Kloster, jedem Tempel. In fast jedem Tempel und Kloster steht ein riesiger, prunkvoller Thron für den König bereit, wenn er mal zu Besuch kommen sollte. Der Personenkult und die Verehrung für seine Majestät ist unermesslich. Jigme Khesar Namgyal Wangchuk ist der 5. seiner Dynastie und wurde mit 26 Jahren zum jüngsten Staatsoberhaupt der Welt erkürt. Er hat nach einer strengen buddhistischen Ausbildung in Massachusetts und Oxford studiert und erreichte einen Master of Philosophy in Politik. Seine anmutige Gemahlin Jetsun Pema studierte internationale Beziehungen mit den Nebenfächern Psychologie und Kunstgeschichte. Sie gebar ihm gleich als erstes Kind einen Sohn. Da hatte es der 4. König, sein Vater, nicht so einfach. Um sicher zu gehen, dass er einen Nachfolger bekommen wird, heiratete er gleich 4 Töchter eines armen Reisbauern. Allerdings war eine schöner als die andere: er konnte sich wohl nicht entscheiden. Diese 4 Frauen gebaren ihm schliesslich 11 Kinder und natürlich auch den erwarteten Sohn und Thronfolger. Der 4. und 5. König taten und tun eine Menge für ihr Volk.

So ist z.B. die Schulbildung und die Gesundheitsversorgung gratis und das oberste Ziel des Landes ist das Bruttonationalglück. Eine eigens dafür gegründete Kommission für das Nationalglück sorgt dafür, dass die Lebensqualität und der soziale Fortschritt laufend optimiert werden. Dafür gibt es dann aber auch eine Menge Regeln. So gilt im ganzen Land ein öffentliches Rauchverbot. Ebenso ein absolutes Jagdverbot und Littering und öffentliches Urinieren wird streng geahndet. Weiter dürfen die weissen Bergriesen nur bis auf die Höhe von 6000 m bestiegen werden, weil darüber die Götter wohnen und die sollen nicht gestört werden. So liegt denn mit dem Gangkhos Puensum auch der höchste unbestiegene Berg (7570m) in Bhutan.In öffentlichen Anlagen und religiösen Stätten ist das Tragen der Nationaltracht Pflicht. Männer tragen den Gho, ein rockähnliches Gewand mit breiten weissen Armstössen und schwarzen Kniestrümpfen. Dazu gehört ein weisser Schal. Farbige Schale dürfen, je nach Farbe, nur Minister, hohe Geistliche, Richter und der König umhängen. Die Frauentracht heisst Kira und hier ist die Farbenpracht schier grenzenlos.

In Bhutan herrscht Mitteverkehr. Eigentlich ja Linksverkehr. Aber alle Bhutanesen fahren immer in der Mitte der Strasse und weichen erst im letzten Moment aus, was oft zu brenzligen Kreuzungsmanövern führt. Sie haben aber ein stupendes Augenmass und ich habe noch nie ein beschädigtes Auto gesehen. Ausserdem herrscht eine ausserordentliche Toleranz und Geduld anderen Verkehrsteilnehmern gegenüber und fluchen oder unanständige Handzeichen sind tabu. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 60 kmh. Auch auf der einzigen ca. 7 km langen Autobahnstrecke in Timphu, der Hauptstadt. Auf diese „Schnellstrasse“ hat es einige enge Kurven und sogar 2 Schwellen für die Reduktion der Geschwindigkeit.

Bhutan war bis 1961 selbstbestimmt isoliert. So führte keine Strasse ins Land und der indische Aussenminister musste in mehreren Tagesmärschen und mit dem Pferd den König in Timphu besuchen. Das musste geändert werden und mit der Hilfe von indischen Strassenbauern wurden erst ab 1962 zahlreiche, immer sehr kurvenreiche Strassen erstellt. Ulkige Strassenschilder stehen am Strassenrand und verkünden „No Whisky, no risky“ oder „No hurry, no worry“.

Fast jedes Dorf hat einen Tempel oder eine Stupa und grössere Ortschaften haben oft ein Kloster. Der buddhistische Glaube ist der zentrale Lebensinhalt aller Bhutanesen und sie tun alles, um ihr Karma zu verbessern. So ist ihre Spendierfreudigkeit für die Mönche und religiösen Stätten fast unerschöpflich. Der grösste Buddha, Dordenma, des Landes ist 51m hoch und wurde von 2 reichen Buddhisten aus Bhutan und Indien gesponsort. Im Innern des Buddhas liegen in unüberschaubar vielen Nischen 130’000 Buddhastatuen, die alle im Wert von je 1’000 bis 1500 Dollar gespendet wurden. Wir erfahren zahlreiche Legenden und Lebensweisheiten über den Buddhismus und ihre Lamas. Manches fasziniert, manches hinterlässt uns etwas ratlos. So zum Beispiel, dass 7 – 8 jährige Buben schon ein Mönchsdasein führen. Allerdings sieht man sie dann an den zahlreichen Folklorefestivals mit Spielzeuggewehren, wenig pazifistisch, Kriegerlis spielen. Oder die Peitsche, die im Tempel gleich neben dem Altar hängt und zur Züchtigung der Mönche dient, die sich nicht an die Regeln halten.

Eine besondere Faszination übt die Zahl 108 auf die streng gläubigen Bhutanesen aus. Buddha soll 108 Lehrbücher geschrieben haben. Zum Gedenken von Verstorbenen werden sodann 108 ca. 10m lange Stangen in den Boden gerammt und die damit versehenen weissen Gebetsfahnen flattern dann jahrelang im Wind. Viele ältere Leute beschäftigen sich damit, betend 108 mal eine Stupa oder einen Tempel zu umrunden. Ich beobachte einen Greis, wie er (wohl 108 Mal) sich mit gefalteten Händen auf den Bauch legt, sich ausstreckt, und wieder aufsteht. Und das ohne Pause. Neben ihm liegt ein kleines Zählwerk, das er jedes Mal beim Hinlegen betätigt.

Besonders gefallen uns die schmucken Häuser auf dem Lande. Die weitausladenden Dächer sind mehrfach abgestuft. Die Fassaden sind reich verziert mit Schnitzereien und farbenfrohen Ornamenten. Alle Fenster sind drei- oder viergeteilt in der Breite und bilden einen oberen Abschluss mit einem mittigen Halbkreis und 2 seitlichen Viertelkreisbögen. Viele Häuser sind gut erhalten, obwohl die Malereien regelmässig erneuert werden müssen. Ohne Umschweife dürfen wir ein einfaches Bauernhaus innen besichtigen. Die Küche ist spartanisch, nur mit dem Allernötigsten ausgestattet. Das Esszimmer ist ohne Tisch und Stühle, man sitzt zum Essen im Lotussitz auf dem Boden. Auch die Schlafräume sind karg und alles weist auf ein sehr einfaches Leben hin. Bis auf den Schrein, ein eigens für die buddhistischen Rituale eingerichteter Raum, der in keinem Haus fehlen darf. Hier ist alles prunkvoll, farbenfroh und üppig. Und natürlich hängt auch hier das Portrait der Königsfamilie.

Wir hören viel über die Symbolik von Ornamenten, Tieren und Pflanzen und entdecken immer wieder Neues. Eines aber fällt uns besonders auf: die fliegenden Penisse an zahlreichen Hausfassaden. Was andernorts wohl als anstössig betrachtet und beseitigt werden müsste, gilt hier als Fruchtbarkeitssymbol. Die Phalli findet man auch in jedem Souvenirladen, in allen erdenklichen Dimensionen und Farben und sie sind wohl ein Verkaufsschlager. Zurück zu führen ist das auf den tibetischen Gelehrten und Dichter Lama Drukpa Kunley, (der heilige Narr) der in zahlreichen Legenden beschrieben wird für seinen ausschweifenden Lebenswandel. Besonders bei der ungebildeten Landbevölkerung ist er deswegen und weil er damit den Klerus laufend provozierte, sehr beliebt. Ins Kloster Chimi Lhakang zwischen Timphu und Panakha kommen Frauen mit Kinderwunsch, um für Fruchtbarkeit zu bitten. Nach einer Opfergabe werden sie am Altar von einem Mönch mit einem hölzernen Phallus gesegnet. Man stelle sich das mal bei uns vor: Ein Mönch der einer Frau mit einem hölzernen Penis übers Haar streicht; Blick wäre gleich zur Stelle!

Viele weitere Kuriositäten begegnen uns auf unseren herrlichen Wanderungen durch das kleine Königreich mit den riesigen Wäldern und hohen Schneebergen.

Tief beeindruckt verlassen wir die ruhigen, friedvollen und glücklichen Menschen und wünschen uns, dass sie ihre zum Teil skurrilen Traditionen noch lange pflegen.

Kadrinche (Danke) Bhutan, Log jay gay (Auf Wiedersehen) Bhutan

Ueli Schlittler, Wanderleiter SBV

 

 

Könige und Kuriositäten im Reich des Donnerdrachens