Der Schock sitzt tief: Mein Freund Jacques ist Corona positiv und wird uns leider nicht begleiten können. Alle anderen 11 Teilnehmer/innen haben die erste Hürde  geschafft und wir kommen nach einer langwierigen Einreiseprozedur in Nepal an. Mingmar, der Geschäftsführer von Aktivferien Nepal empfängt uns mit einem herzlichen Namaste und wunderschönen orangefarbenen Blumenkränzen.

Beim eilends organisierten Nachmittagsprogramm besuchen wir nach einer kurzen Stadtrundfahrt den Affentempel Swayambhunath.

Auf der langen Treppe zur Tempelanlage können wir uns schon mal auf die bevorstehenden Wanderungen vorbereiten; denn da wird es noch einige Stufen geben. Es ist Samstag, der offizielle Feiertag der Woche in Nepal und wegen des Mondfestes herrscht ein Riesengedränge.

Bunte Gewänder, fremdländische Musik und Gesänge, schrille Stimmen und viel buddhistische Kultur und Sakralbauten beeindrucken uns zutiefst und wir entgehen nur ganz knapp einem Kulturschock.

Wesentlich gemütlicher geht es beim Willkommensnachtessen im Organic Club zu und her.  Bei harmonischen Folkloretanz-Vorführungen geniessen wir erstmals das nepalesische, oft ziemlich scharfe Speisenangebot.

Bei gutem Flugwetter erreichen wir in einem Kleinflugzeug Lukla, dessen Flugplatz abenteuerlich ansteigend im Hang angelegt ist. Lukla ist der Ausgangspunkt für die meisten Everesttrekkings und -Expeditionen und entsprechend ist das Sortiment an Bergartikeln in den zahlreichen Shops. Viele Träger und Führer bevölkern die Hauptgasse und natürlich zahlreiche Touristen, die endlich wieder losziehen können. Nach einer kurzen Kennenlernphase mit unseren 4 Führern und 6 Trägern nehmen auch wir die 1. Etappe nach Phakding unter die Füsse. Ein stetiges auf und ab, typisch für Nepal, folgt. Schöne Siedlungen, mit gepflegten Gemüsegärten, kleinste Shops, immer wieder Stupas und Manisteine und abenteuerliche Hängebrücken bieten viel Abwechslung und Fotomotive. Unser Hauptführer, Pasan Sherpa, rät uns, für ein gutes Karma alle Stupas und Manisteine immer im Uhrzeigersinn zu umgehen, was wir natürlich respektvoll beherzigen.

Im Shangri-la Resort treffen wir zu unserer Überraschung eine andere Trekkinggruppe, die seit einer Woche auf dem gleichen Everest-Komfort-Trekking unterwegs war. Zufällig sind da auch einige Glarner dabei, die ich kenne, und die mir wertvolle Infos zu der anspruchsvollsten Etappe geben können.

Am nächsten Morgen folgt unsere Gruppe dem Rat der anderen Gruppe, dem Monastery von Phakding einen Besuch abzustatten. Was wir dann im Kloster erleben dürfen ist sowohl eindrücklich als auch einmalig. Wir dürfen einer buddhistischen Zeremonie mit „Musik“ und Gebeten beiwohnen, die wöchentlich nur einmal, nämlich am Montag um 9 Uhr stattfindet. Durch diesen Abstecher sind wir etwas länger unterwegs aber das hat sich gleich mehrfach gelohnt!

In Monjo werden wir, wie übrigens in allen Etappen, von 2 freundlichen jungen Nepalesinnen in wunderschönen Trachten mit herrlich duftenden Erfrischungswaschlappen und süssem Tee empfangen und geniessen diese Gastfreundschaft ausgiebig.

Am nächsten Tag überqueren wir den Dudh-Koshi Flusses in luftiger Höhe und nur eine Teilnehmerin braucht etwas Zuspruch und aktive Unterstützung. Wir kommen früh in Namche Bazar an und können nach einem stärkenden Lunch am Nachmittag das emsige Treiben im Hauptort des Sagarmatha-Nationalparks beobachten und unsere Ausrüstung wo nötig in den zahlreichen Bergsport-Shops ergänzen.

Am nächsten Morgen ist es anfänglich noch klar, aber es ist Regen angesagt und wir bangen um die erwartete Aussicht auf Mt. Everest, Ama Dablam und Co. Diese hüllen sich dann während unserer Wanderung diskret in Wolken, aber trotzdem erfreuen wir uns an den weidenden Yaks und dem schmucken Klosterdorf Khumjung, wo der Erstbesteiger des Mt. Everest, Sir Edmund Hillary, eine Schule für die zahlreiche Dorfjugend gegründet hat.

Ausgerechnet im buddhistischen Kloster ist der Skalp des legendären Yetis in einer Vitrine ausgestellt, was uns kritischen Westlern natürlich ein Schmunzeln entlockt….

Und dann kommt der Regen, der uns zwar nicht unvorbereitet, aber trotzdem ungeliebt zu einer sofortigen Rückkehr nach Namche Bazar mahnt.

Am nächsten Morgen ist oberhalb einer scharfen Grenze alles weiss gezuckert und wieder klare Sicht.

Vorbei an zahlreichen Rhododendren, die von weiss bis violett im Sonnenlicht strahlen, erreichen wir auf einem wunderschönen Höhenweg Thame, wo uns unser Bergführer für die folgende Bergetappe, Sonam Sherpa, erwartet. Er ist kein Mann der grossen Worte, aber äusserst kompetent.

Heute wird es erstmals etwas anspruchsvoller und strenger. Das ist für die meisten Ansporn, etwas Besonderes zu leisten und zu testen, wo die persönlichen Grenzen erreicht werden. Wir kämpfen uns nach einem längeren Abstieg zahlreiche hohe Stufen empor bis wir nach einer mehrstündigen Bergtour die Schlüsselstelle erreichen. Unser Bergführer ist mit einem Helfer vorausgeeilt und hat mit einem fest verankerten Fixseil die Passagen im steilen Schneefeld gut abgesichert. So erreichen wir denn alle wohlbehalten die ersehnte Berglodge in Kongde.

Am folgenden Tag ist gemäss Programm Ruhetag. Einige Unentwegte gehen mit Nyma, unserem bergtüchtigen Hilfsführer hoch zum traumhaft gelegenen Bergsee auf ca. 4600 m.ü.M. Der grösste Teil des weglosen Aufstiegs erfolgt über Schnee und so wundert es denn nicht, dass der See noch zugefroren ist und das erfrischende Bad für einmal ausbleiben muss. Wir geniessen das prächtige Panorama und sehen all die prominenten Bergriesen erstmals ohne Wolken oder Nebel.

Für viel Verwunderung sorgt Koshi, der schöne und kräftige Hüttenhund, der uns auf der ganzen Tour begleitet und für zusätzliche dankbare Fotomotive zuständig ist.

Auch am nächsten Tag auf dem langen Abstieg nach Phakding begleitet uns Koshi wieder und ist im ganzen Dorf bei den Menschen und anderen Hunden bekannt und ein gern gesehener Gast, sogar in der Lobby von unserem Sangri-la-Resort!

Mit etwas Wehmut machen wir uns anderntags auf den Rückweg nach Lukla. Denn nun heisst es Abschied nehmen von der herrlichen Bergwelt, unseren lieb gewordenen Führern, den zähen Trägern, den zahlreichen Trägerkolonnen mit ihren Zopkyo-Rindern, Yaks und Maultieren und der ganzen Sherpa-Kultur.

Der nächste Morgen stellt uns auf eine Geduldsprobe. Ganze 4 Stunden warten wir im kleinen Gebirgsflughafen Lukla auf unseren Abflug. Niemand kennt die genaueren Gründe oder man behält sie für sich. In Nepal ticken eben die Uhren anders und es tut gut, diese Erfahrung zu machen. Umso toleranter wird man vielleicht später in der Heimat sein, wenn einmal nicht alles wie am Schnürchen läuft. Vielleicht….

Am Nachmittag statten wir dem alten Markt in Kathmandu einen Besuch ab. Es braucht eine gehörige Portion Gelassenheit, die zahlreichen und hupenden Motorräder in der überfüllten Fussgängerzone zu ertragen und 2 Stunden später flüchten wir auf die Dachterrasse des mondänen Hardrock-Cafés.

Am Abend finden wir im Touristenviertel Thamel ein gutes Restaurant, wo wir erstmals wieder Fleisch geniessen.

Am nächsten Tag fliegen wir nach Bhadrapur, wo uns der Ranger Madan empfängt und uns sogleich zu unserem gepflegten und grosszügigen Kasara-Resort begleitet. Wir sind hier im Terai Tiefland, das Klima ist tropisch heiss um die 40°C bei ca. 90% Luftfeuchtigkeit. Der grosse Swimmingpool wird von uns rege benutzt und kühlende Drinks lassen den Tee in den Bergen schnell vergessen.

Am Abend besuchen wir eine Tharu-Siedlung. Madan erzählt uns viel Wissenswertes über dieses Volk, das einfach und selbstversorgend lebt. Er weiss überhaupt unglaublich viel und auf den Safaris am folgenden Tag im Wald, auf dem Fluss und in der Krokodilfarm erfahren wir viel Spannendes über die örtliche Flora und Fauna. Eine Tanzvorführung am Abend mit jungen Frauen rundet das äusserst dichte und vielfältige Programm ab.

Nach einer frühmorgendlichen Vogelpirsch fliegen wir zurück nach Kathmandu und besuchen am Nachmittag gemeinsam den Durbar Square mit seiner Vielzahl von Tempeln. Die Taxifahrt dorthin ist ein Abenteuer für sich und ich bin sicher, dass wir zu Fuss schneller dagewesen wären.

Kathmandu ist faszinierend, aber es ist auch laut, schmutzig und staubig. Besonders spannend ist es, die verschiedenen Menschen zu beobachten. Fotomotive ohne Ende!

Am Abend beim Abschiedsessen im Garden Café lassen wir das vielfältige Trekking nochmals Revue passieren. Die kalten Nächte in den Bergen, die willkommenen Heizdecken, die heissen und schwülen Tage in der Tiefebene Terai, die wunderschöne Natur, die freundlichen Menschen, das Verkehrschaos und das Menschengewirr in Kathmandu, die fremden Kulturen. Der Blick in die zufriedenen Gesichter meiner Gäste verrät mir, dass ihre hohen Erwartungen erfüllt, ja sogar übertroffen wurden.

Am letzten Tag besuchen wir in Patan noch einmal verschiedene Tempel im örtlichen Durbar Square. Alles ist da etwas weniger hektisch und sauberer als in Kathmandu. Empfehlenswert ist auch ein Besuch auf der höchsten Dachterrasse des Restaurants Heranya mit einer 360° Rundumsicht.

Nach einer herzlichen Verabschiedung von Pasan und Nuru mit einem edlen Khata (Glücksschal) fliegen wir via Doha zurück in die Schweiz.

 

Niederurnen, 2. Mai 2022    Ueli Schlittler, Wanderleiter SBV

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Mit grossen Erwartungen nach Nepal