Es ist schon fast dunkel, der 4x 4 von Karl saugt nach Luft und Karl weicht geschickt den Lavablöcken auf der steilen Bergstrasse aus. Wir sind nun bereits auf knapp 4500m, ein leichter Nieselregen, die Sicht endet abrupt im Nebel 50 m vor uns. Auf 4600m ist Schluss mit der Strasse und wir müssen das gemütliche Auto verlassen. Es wartet der Aufstieg ins Refugio José Ribas auf 4800m. Hier hat es bereits zu schneien begonnen. Wir wandern in gemächlichem Tempo den Lavasand hinauf, bis wir nach einer Stunde die geheizte Hütte betreten.

Karl trifft auf seine Gruppe Ecuadorianer, die bereits beim Abendessen sitzt. Ich darf ihn und seine Gruppe diese Nacht auf den Cotopaxi begleiten. Karl stellt mir die lokalen Guides Nico, José und Marco vor und schon bald gehen wir alle schlafen. Nur ein paar Stunden später werden wir durch reges Treiben in der Hütte geweckt. Was für ein schöner Moment vor der Hütte, es ist windstill und sternenklar. Ich darf in der Seilschaf t mit José starten, die Höhe macht mir bald zu schaffen. Ich bin die Höhe noch nicht so gewöhnt, doch die Stimmung ist atemberaubend. Es ist eigenartig still, nur das rhythmische Knirschen der Steigeisen ist zu vernehmen. Über den ganzen Gletscher verteilt sieht man schwache Lichter von anderen Seilschaften und bald schon erblicken wir unter uns die Lichter der Millionenstadt Quito. Kurz vor Sonnenaufgang erreichen wir den letzten Aufschwung und schon blicken wir hinunter in diesen fantastischen Krater. Gegenüber verfärbt sich der Himmel rosarot und Karl ruft uns „felicitaciones chicos!“ zu. Wir haben den Gipfel erreicht, wir umarmen uns freudig. Zusammen warten wir auf den Sonnenaufgang, der Himmel verfärbt sich in allen Farben und nun erhebt sich die Sonne über dem 5000m tiefer liegenden Amazonasbecken. Ich muss ein paar Freudetränen verdrücken, ein unvergesslicher Moment in meinem Leben.

Dies war mein erster Gipfelerfolg am Cotopaxi, mittlerweile sind acht Jahre vergangen. Ich hatte das Privileg eines dreimonatigen Aufenthalts in Ecuador. Während der Woche war ich im Spanischkurs, am Wochenende mit Karl unterwegs in den Bergen. Es kamen weitere Besteigungen des Cotopaxi dazu und wir standen auch auf fast allen anderen 5000ern wie Cayambe, Illiniza Norte und Illiniza Sur, waren an der Südwand des Antisana unterwegs und auch am 6000er Chimborazo. Zum Abschluss meiner ersten Südamerikareise begleitete ich Karl und seine lokale Expedition zum Aconcagua in Argentinien. Diesen Gipfel erreichte ich jedoch nicht, es lag zu viel Schnee und ich war damals wohl doch noch einen Tick zu unerfahren für diese Höhe.

Das tat meiner Begeisterung für Südamerika aber keinen Abbruch. Als ich Nachhause kam war ich überzeugt, dass der Cotopaxi wieder ins Programm von Aktivferien AG aufgenommen werden muss. Nicht nur des Bergsteigens wegen, sondern auch wegen den fantastischen Bergwanderungen, der fröhlichen Bergbevölkerung und den stilvollen Haciendas im Hochland. Ein Trekking von Hacienda zu Hacienda mit Wandern und optionalem Bergsteigen. Die Reise ist seit 2012 so in unserem Programm. Karl ist seit Beginn Geschäftsführer von Aktivferien Ecuador. Dank ihm waren wir von Anfang an am Cotopaxi zuhause, können auf Informationen aus erster Hand zählen. In Südamerika geboren als Sohn einer Ecuadorianischen Mutter und eines Schweizer Vaters, der auch Bergführer war, kennt Karl beide Mentalitäten, kann sowohl auf das lokale Team als auch auf unsere Gäste sehr gut eingehen.

Neben dem geschäftlichen ist auch eine Lebensfreundschaft mit Karl entstanden, wir waren etliche Male zusammen in den Bergen Ecuadors und in den Alpen unterwegs, bikten über die Trails im Frigoulet, im Dezember 2015 durfte ich als Trauzeuge an seine Hochzeit in Quito.

Alle 100 Jahre wieder aktiv

Der Cotopaxi, der höchste aktive Vulkan der Welt, fasziniert. Er wird erfahrungsgemäss alle 100 Jahre wieder aktiv. Am 14. August 2015 ist der Vulkan aus seinem Schlaf erwacht, hat Asche in die Luft gespuckt und die ganze umliegende Landwirtschaftszone zum Erliegen gebracht. Dem nur 40 Kilometer entfernten Quito stand der Atem still.

Der Nationalpark wurde bis auf weiteres geschlossen, die Hütte ausser Betrieb genommen und viele Bauern haben ihre Tiere für Spotpreise verkaufen müssen oder sogar einfach stehengelassen. Die ersten Tage und Wochen hat der Cotopaxi im Minutentakt Asche gespuckt, viel Gletscher wurde beschädigt. Die Geschichte des Vulkans war schon immer sehr bedrohlich, somit war die Angst enorm.

Mit unseren Aktivferien Gruppen wichen wir in dieser Zeit zum benachbarten Vulkan Cayambe, 5790m aus.

Nach 784 Tagen, das sind zwei Jahre und fast zwei Monate, wurde am 7. Oktober die Besteigung des Cotopaxi wieder erlaubt. Die Route wurde von Aktivferien Ecuador sofort inspiziert und die ersten Gruppen aus der Schweiz haben es enorm genossen. Die Aufstiegsroute hatte sich verändert, vor allem der Einstieg auf den Gletscher aber auch der Schlussteil ab 5700 bis zum Gipfel 5897m. Durch die vulkanische Kesselerwärmung ist der Gletscher stark zurückgegangen. Man geht nun auf 5700 einen Teil über Geröll.

Seit Wiedereröffnung besteigen täglich viele Bergsteiger den wunderschönen Vulkan. Dieser ist nach wie vor aktiv, es gibt Tage, an denen man Asche und Schwefel in der Luft spürt, an anderen Tagen ist nichts spürbar. Der Berg ist unter 24h Beobachtung, damit man eine Aktivitätserhöhung sofort erkennen kann.

Die aktuelle Besteigungsroute hat sich im Vergleich zu vor der Eruption stark verändert und ist die Direkteste und die Sicherste seit Jahren. Wir freuen uns sehr, am Cotopaxi wieder so gute Bedingungen vorzufinden.

So, dass noch viele Aktivferien Gäste die Bergstrasse hochtuckern können, das gemütliche Auto verlassen, eine Nacht in der renovierten Cotopaxi Hütte bleiben. Um dann in der Nacht einen Berg von atemberaubender Schönheit zu besteigen. Einen Sonnenaufgang auf über 5000m über dem Amazonasbecken ist etwas Unvergessliches.

 

 

Alle 100 Jahre wieder aktiv