Die Spannung an der Eröffnung der Bibliothek steht Kindern und Eltern ins Gesicht geschrieben, sie wissen gar nicht genau, was eine Bibliothek ist. Nachdem Aktivferien AG im Jahr 2015 die vom Erdbeben zerstörte Primarschule im Everest-Gebiet neu aufgebaut hatte, kam bald die Frage auf, wie die Menschen in diesem verlassenen Gebiet weiter unterstützt werden könnten. Mit der Eröffnung geht nun ein lange gehegter Wunsch in Erfüllung.

Mir steht die Ehre zu und wir sind zu den Festlichkeiten in Dimil eingeladen. Zusammen mit meiner Schwester machen wir uns auf nach Nepal. Für sie steht eine Trekkingreise nach Nepal schon lange auf der Wunschliste und es wird eine ganz neue Erfahrung werden für sie. Mir sind die Menschen im Himalaya schon längere Zeit ans Herz gewachsen und von dieser eindrücklichen, imposanten Bergwelt bin ich jedes Mal von neuem tief beeindruckt.

Unser Flieger landet mit einiger Verspätung am Flughafen von Lukla und von weit leuchtet die rote Aktivferien Jacke von Ang Song Sherpa. Er winkt uns zu und ab sofort sind wir in seiner sicheren Obhut. Ang Song war schliesslich schon zehn Mal mit Expeditionen auf dem Everest, mit ihm fühlen wir uns sicher. In gemächlichem Tempo wandern wir auf den Pfaden des Everest Komfort Trekkings. Wir kommen durch Dörfer und Weiler und saugen alles mit den Augen und dem Herzen ein: Mütter kämmen die tiefschwarzen Haare ihrer Kinder oder Freundinnen, Hühner gackern rund um die Häuser. Die Wäsche wird im kalten Wasser des Dorfbrunnens gewaschen und dann auf den Steinmauern zum Trocknen ausgelegt. Wir begegnen Yak- und Maultier-Karawanen, die Tiere sind oft geschmückt und tragen neben allerlei Gepäck eine grosse oder ganz viele kleine Glocken. Die Träger buckeln das Gepäck der Touristen, aber auch Baumaterial, Dinge des Alltags und Nahrungsmittel die steilen Wege hinauf. Die Bauern nutzen jeden Quadratmeter für Kartoffeln, Rüebli, Blumenkohl und Pak-Choi wachsen hier bis auf fast 4000 m ü. M. Das frische Gemüse wird uns in den stilvollen Lodges zum Abendessen serviert, wir sind begeistert.

Uns erstaunt auch die Fröhlichkeit dieser Menschen. Ob sie nun schwer tragen oder auf dem Feld arbeiten, immer begegnen sie uns mit einem freundlichen Lächeln. Besonders die jungen Träger sind während ihren Pausen zu Spässen aufgelegt, auch hier gibt es die Vorlauteren und die Schüchternen. Weil Ang Song aus Thame kommt, kennt er natürlich fast alle und hält kurz einen Schwatz. Wir kommen schon etwas ins Grübeln, als uns auf dem Weg nach Thame Grüppchen von Frauen mit ihren Kindern entgegenkommen und uns Ang Song erklärt, dass heute eben Markt sei in Namche. Gross und Klein marschiert hier also 2 ½ bis 3 Stunden auf den Markt und am gleichen Tag wieder zurück. Die Einkäufe selbstverständlich auf den Rücken gebunden, sofern nicht ein Kleinkind bereits diesen Platz eingenommen hat.

In Thame angekommen, führt uns Ang Song zuerst zu sich nach Hause. Seine Familie durften wir bereits früher kennen lernen und sein Sohn freut sich auf uns. Schon letztes Jahr hat sich der damals Fünfjährige stolz den Pickel seines Vaters umgehängt, konnte ihn aber nicht mehr ohne Hilfe ablegen. Dieses Jahr will er uns unbedingt den Weg zum Yeti Mountain Home zeigen. Ang Song überlässt ihm wohlwollend die Führung und schon stapft der Kleine mit seinen kurzen Beinchen los. Hoppla, er legt grad ein Tempo vor, wir tauschen schmunzelnd unsere Blicke. Wir verstehen ihn zwar nicht, aber er gibt seinem Vater anscheinend die Anweisung, den Schluss zu machen. Schliesslich haben die Gäste direkt hinter dem Guide zu laufen…

Neben diesen wunderbaren Begegnungen mit Menschen sind wir überwältigt von der fantastischen Bergwelt. Immer höher sind wir gestiegen, und immer noch höhere Berge sind vor uns aufgetaucht. Dem Everest gegenüber zu stehen, das löst Hühnerhaut aus und lässt die Gedanken schweifen…

 

Nun steht aber der Höhepunkt unserer Reise bevor. Mit dem Heli fliegen wir zusammen mit Mingmar Sherpa nach Dimil. Bereits aus der Luft sehen wir die vielen Kinder und Dorfbewohner. Wir werden durch den blumengeschmückten Bogen geführt, dann stehen links und rechts kleine Kinder, Mütter und alte Frauen, alle halten einen Begrüssungsschal oder einen Blumenkranz für uns bereit. Wir bücken uns nach links und rechts, nehmen diese wunderbare Geste gerührt entgegen und kämpfen gegen die Tränen. Wir wollten diesen Menschen doch etwas geben, jetzt geben sie uns so viel zurück. Auf einer extra gebauten Bühne dürfen wir Platz nehmen und Tee wird uns serviert. Ang Babu Sherpa, Schulleiter und Guide von Aktivferien hält eine Ansprache. Leider verstehen wir Nepali nicht, aber wir lesen aus den Gesichtern aller Anwesenden. Eine Tanzgruppe aus dem Dorf führt einen Tibet-Tanz auf. Dann hält auch der Bürgermeister und Mingmar Sherpa eine Ansprache, bevor der Akt der Eröffnung stattfindet. Vom Lehrer wird mir auf dem Tablet die Schere gereicht und ich habe die Ehre, das rote Band durchzuschneiden. Unter Klatschen und Lachen wird die Türe geöffnet, die Bibliothek ist eingeweiht. Das stabile Gebäude ist ganz aus Holz gebaut, die Wände aussen weiss gemalt, die Fenster und Treppe farbenfroh in rot und blau. Innen ist alles noch roh, es duftet fein nach frischem Holz. Noch müssen Regale montiert werden und auch Tische und Stühle fehlen noch. Wir sind aber sehr beeindruckt, was in dieser kurzen Zeit realisiert worden ist. Endlich darf auch ich mich an die Bevölkerung richten und meiner Bewunderung und meinem Respekt Ausdruck geben. Wir sind glücklich, dass Aktivferien diese Schule unterstützen darf und so zu einer guten Ausbildung beitragen kann. Leider ist die Zeit immer viel zu kurz und wir müssen uns schon wieder verabschieden. Mit vielen beglückenden Erlebnissen machen wir uns wieder auf den Weg.

Dhanyabaad. Danke für alles, was wir erleben durften. Wir freuen uns auf den nächsten Besuch, wenn die Bücher in den Regalen stehen… oder noch besser in den Händen der Kinder sind.

Christine Büchi

Eine Bibliothek für die Sherpakinder in Dimil